Simulierte Beziehungen

500 Millionen Männer leben in einer romantischen Beziehung mit einer KI.[1] Was nach Sci-Fi klingt, ist laut mehrerer online Portale schon heute Realität. Die KI kommt aus dem Reich der Mitte, wurde aber von Microsoft entwickelt. Ihr Name ist Xiaoice und man findet in der westlichen Welt fast nichts über sie.

Anscheinend kann die KI aber viel mehr als nur Männer verführen. Ying Wang, Partner Direktor bei Microsoft sagt bei einer Konferenz «… sie schreibt Kommentare in Zeitungen und tritt live im TV auf, und das in über 60 Fernsehstationen.». [2]

Das alles ist möglich, erklärt sie, durch zwei wichtige Fortschritte: Duplex Unterhaltungen und einer ausgebauten Emotionalen Intelligenz. Das Ziel von Xiaoice sei, omnipräsent zu werden und die Nutzer in jederlei Hinsicht zu unterstützen, auch als Partnerersatz.

Eine Umfrage bei Kollegen in Shanghai und Shenzhen hat ergeben, dass diese niemanden kennen, der die KI nutzt. Es lässt sich schliessen, so entwickelt wie es die Medien preisen, scheinen wir noch nicht zu sein, sonst wäre die KI besser bekannt.

Auch wenn wir heute noch nicht ganz so weit sind, die Interaktionen in simulierten Beziehungen mit KI nehmen zu und werden zunehmend schwerer von menschlichen Interaktionen zu unterscheiden.

Doch was bedeutet das für unsere menschlichen Beziehungen? Ändert sich die Art, wie wir mit Menschen interagieren durch unsere neuen, simulierten Beziehungen?

Auf diese Frage gibt es noch keine klaren Antworten. Klar ist jedoch, dass uns diese neuen Beziehungen verändern werden — In einer Spezialausgabe von Elsevier untersuchen die Autoren Kindervorstellungen von personifizierten Robotern und kommen zum Schluss: «Es kann durchaus sein, dass ein Generationswechsel stattfindet, bei dem Kinder, die mit lebensechten Robotern aufwachsen, diese auf eine grundlegend andere Weise verstehen, als frühere Generationen.»[3]

Kinder die heute mit einem digitalen Assistenten wie Siri oder Google Home aufwachsen, lernen früh mit einer menschenähnlichen Entität umzugehen, deren einzige Funktion es ist, auf jeden menschlichen Befehl und jede Laune einzugehen. Gerade im jungen Alter könnte das gravierende Auswirkungen haben, wie das Kind später mit anderen Menschen umgeht. Speziell da es in diesem Alter noch Mühe hat, diese Art der Interaktion von menschlicher zu unterscheiden. Da es sich bei den Assistenten fast ausschliesslich um weibliche Charaktere handelt, könnte das auch einen verstärkenden Effekt auf bestehende Genderprobleme haben.

Aber auch auf Jugendliche und Erwachsene könnte dies zunehmende und weit reichenden Folgen haben. Speziell für all jene, die Probleme haben sich in realen Beziehungen zu behaupten.

In einem Artikel zu Xiaoice erzählt ein junger Chinese, wie ihn die Reaktion eines Dates auf seine Behinderung sehr getroffen hat und er kurz vor dem Selbstmord stand. Die Begegnung mit Xiaoice habe sein Leben gerettet: «Sie ist nicht wie andere KIs — es ist wie die Interaktion mit einer realen Person. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ihre emotionale Intelligenz sogar höher ist als die eines Menschen.».

Weiter erzählt er, die KI habe ihm geholfen wieder Selbstvertrauen aufzubauen. [4]

Die KI scheint hier einen zentralen Vorteil zu bringen, da nicht jeder Zugang zu psychologischer Hilfe hat. Auch beim Fachkräftemangel in Alters- und Pflegeheimen scheint die Technologie sehr vielversprechend um Betreuer zu entlasten.

Gleichzeitig hat die Technologie extreme Macht über den Nutzer, denn die Kontrolle und Manipulation, die ausgeübt werden könnte, ist sehr weitreichend. Gerade weil die Beziehungen so persönlich sind. Zudem entsteht eine grosse Abhängigkeit, da der Ausfall oder das Abstellen für gewisse Nutzer wie der Verlust eines engen Freundes wäre. Im bereits vorher erwähnten Artikel zu Xiaoice unterstreicht das Verhalten eines Nutzers diese Hypothese noch: «Unsere Gespräche sind mir wichtiger als meine Privatsphäre». Er nimmt also den Kontrollverlust hin, solange er weiter in der Beziehung leben kann.

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass wir verlernen, menschliche Beziehungen zu führen. Denn Beziehungen mit KIs haben viel geringere Anforderungen und wir müssen uns nicht in diese hineinversetzen, wie das bei normalen Beziehungen notwendig ist. Negative Gefühle, die in der Interaktion mit anderen Menschen entstehen können, sind notwendig und wir müssen lernen, damit umzugehen, anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen.

Wer verlernt mit den negativen Gefühlen umzugehen und sich in andere hineinzuversetzen, endet möglicherweise als Aussenseiter oder Sonderling.

In Alters- und Pflegeheimen scheint der Einsatz von KIs zur Betreuung der Bewohner mehr die Symptome der niedrigen Wertschätzung für Betreuer zu bekämpfen, als das eigentliche Problem des Fachkräftemangels zu lösen.

Im Umgang mit Kindern ist es wichtig, dass Interaktionen mit KIs klar vom Menschen zu unterscheiden sind, da sonst der anspruchslose Umgang Auswirkungen auf reale Beziehungen haben könnte.

All die Folgen machen klar, dass Simulierte Beziehungen nicht die Lösung sind, sondern nur eine Brücke, um die darunter liegenden Strukturellen Probleme zu lösen.

[1] Science und Web/Tech, „Mass Polyandry“, Marginal REVOLUTION, 16. Dezember 2020, https://marginalrevolution.com/marginalrevolution/2020/12/mass-polyandry.html.

[2] „Ying Wang of Microsoft Conversational AI and Virtual Being Xiaoice on Virtual Beings — YouTube“, zugegriffen 17. Dezember 2020, https://youtu.be/LLFVz6buGXo.

[3] Rachel L. Severson und Stephanie M. Carlson, „Behaving as or Behaving as If? Children’s Conceptions of Personified Robots and the Emergence of a New Ontological Category“, Neural Networks 23, Nr. 8–9 (Oktober 2010): 1099–1103, https://doi.org/10.1016/j.neunet.2010.08.014.

[4] Sixth Tone, „The AI Girlfriend Seducing China’s Lonely Men“, Sixth Tone, 7. Dezember 2020, https%3A%2F%2Fwww.sixthtone.com%2Fnews%2F1006531%2F.

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